ZeitenLauf - Leseprobe Band 6

Ausschnitt aus dem Kapitel "Aussteuerkasse, Bratwurstwecken und Festwagen - Das Fest in der Kaiserzeit"

Der Montag des Kunigundenfestes zeichnete sich 28 Jahre lang noch durch ein besonderes Ereignis aus, das zusätzlich viele Auswärtige auch von weit her anzog. Die "Satzungen der Städtischen Aussteuerkasse zu Lauf" vom 14. März 1894 bestimmten nämlich in § 16: "Die Ziehung oder Auslosung der Gewinne erfolgt alljährlich gewöhnlich am Montag des Kunigundenfestes im Monat Juli". Die Städtische Aussteuerkasse, volkstümlich "Heiratskasse" genannt, wurde 1891 nach dem Vorbild anderer Städte auf Anregung des Stadtkassiers Matthäus Wild ins Leben gerufen. Sie beruhte auf dem Grundgedanken, die Städtische Sparkasse durch die Zuführung von länger festgelegtem Kapital zu stärken. Den Anreiz sollte eine Art "Gewinnsparen" geben, an dem sich unverheiratete und verwitwete Männer und Frauen beteiligen konnten, ohne Rücksicht darauf, ob sie in Lauf wohnten oder anderswo.

Grafik: Städtische Aussteuerkasse Lauf 1898

 

Die Teilnehmer an der Aussteuerkasse mussten jährlich eine Summe von zwei Mark einzahlen, hinzu kam eine Verwaltungsgebühr von zwanzig Pfennigen. Dieser Betrag konnte damals für Minderbemittelte ein ernsthafter Hinderungsgrund sein, sich an der Einzahlung zu beteiligen.

 

Um aber gerade auch diesem Bevölkerungskreis entgegenzukommen, bestand die zusätzliche Möglichkeit, den Einzahlungsbetrag durch den Kauf von Marken zu zehn Pfennigen zum Einkleben in einer Sparkarte nach und nach anzusammeln. Diese Sparmarken wurden in vielen Laufer Geschäften angeboten, man konnte aber auch auswärts in Agenturen oder mit Postanweisung einzahlen. Die im Verlauf des Jahres erzielten Einnahmen der Kasse standen - nach Abzug der Verwaltungskosten und einer Zuführung an den Reservefonds zur finanziellen Sicherung der Anstalt - zur Ausschüttung zur Verfügung. Allerdings wurden noch 3% der jährlichen Gesamteinlagen für wohltätige Zwecke abgeführt. Dieser Betrag wurde je nach Entscheidung des Armenpflegschaftsrates vor dem Weihnachtsfest an Bedürftige verteilt. Aus der nun zur Verfügung stehenden Gewinnsumme ermittelte man die Zahl der Gewinnanteile zu je 300 Mark, den Restbetrag führte man der Summe des folgenden Jahres hinzu.

Am frühen Nachmittag des Kirchweihmontags fanden sich Einzahler aus nah und fern, aber auch viele Schaulustige auf dem Oberen Markt ein, um der Auslosung vor dem Rathaus beizuwohnen. Wichtigstes Requisit war ein Glücksrad, in dem für jeden Einzahler des Jahres eine nummerierte Holzkugel eingelegt war. Unter strenger Aufsicht des königlichen Notars und in Anwesenheit der Verwaltungsmitglieder der Aussteuerkasse erfolgte nun die Ziehung der Gewinne zu 300 Mark, die von einem "Ziehungsknaben" aus dem Waisenhaus vorgenommen wurde. Die Namen der Gewinner wurden in mehreren Tageszeitungen veröffentlicht. Wer das 30. Lebensjahr vollendet hatte, konnte seinen Gewinn binnen vier Wochen in Lauf persönlich abholen oder sich zustellen lassen, für alle anderen wurde ein Sparbuch bei der Stadtsparkasse mit der Einlage von 300 Mark und einer Verzinsung von 3% angelegt. Über dieses Buch konnten die Gewinner jedoch erst nach Vollendung des 30. Lebensjahrs, nach vollzogener Eheschließung, nach erfolgter "Etablierung", also der Anmeldung eines Gewerbes oder Übernahme eines Anwesens, sowie im ersten Jahr des Militärdienstes verfügen. Durch diese einschränkenden Bestimmungen konnte also eine beachtliche Mehrung des Einlagekapitals der Sparkasse erreicht werden.

Grafik: Gruß vom Kunigundenfest in Lauf 1889

Die Laufer Aussteuerkasse erfreute sich schnell großer Beliebtheit. Konnten bei der ersten Ziehung 1891 zwanzig Gewinne vergeben werden, so waren es 1893 bereits 40 und 1909 sogar 64. An der Aktion 1896 beteiligten sich 7.758 Personen. 1919 hatte die Sparkasse aus den Gewinnen ein Guthaben von stattlichen 164.400 Mark zu verwalten. Ein Blick auf die erhaltenen Gewinnerlisten zeigt, dass sich Personen aus sämtlichen Schichten und allen Gegenden Bayerns daran beteiligten. Die öffentlichen Mitteilungen der Laufer Aussteuerkasse erschienen daher auch im "Fränkischen Kurier", im "Generalanzeiger" und in der "Augsburger Abendzeitung". Bei der ersten Ziehung 1891 hatte Bürgermeister Ernst Buder der Hoffnung Ausdruck verliehen, aus dem "jungen, aber kräftigen Bäumchen" der Laufer Aussteueranstalt möge sich "ein stolzer, mächtiger, weithin schattender Stamm" entwickeln. Dieser Wunsch erfüllte sich auch, doch in gleicher Weise wuchsen auch die Unkosten, die mit der immer umfangreicheren Verwaltung der Kasse verbunden waren. Kassier Wild, der 1891 die Gründung der Heiratskasse angeregt hatte, war es dann auch, der 1919 nach der 29. Ziehung die Auflösung der durch Kriegseinflüsse geschwächten Anstalt einleitete. Mit Stadtratsbeschluss vom 9. Januar 1920 wurde die Aussteuerkasse aufgehoben. In der öffentlichen Mitteilung hieß es dazu: "Die Auflösung führte der Umstand herbei, dass bei den enormen Unkosten für Reichssteuer, Drucksachen, Inserate, Verwaltung etc. sich die Fortführung der Aussteuerkasse nicht weiter rechtfertigen lässt, da die Gewinnaussichten dadurch immer geringer werden und eine wiederholte Erhöhung der Lospreise nicht vorgenommen werden wollte." Eine kurzlebige, aber sehr beliebte Einrichtung der Laufer Stadtverwaltung und ein nicht unbedeutender Anziehungspunkt des Kunigundenfestes hatte damit ein Ende gefunden.


 

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