ZeitenLauf - Leseprobe Band 5

Ausschnitt aus dem Kapitel "Patriziersitz und Rittergut"

Grafik: Das Welsersche Schlossgut

Neunhof: "Das Welsersche Schlossgut"

Neunhof wird noch durch einen weiteren Schlosskomplex bestimmt, das sogenannte Hauptschloss Nr. 1 und das nördlich davorstehende Herrenhaus Schloss Nr. 2. Dieses Welsersche Schlossgut liegt südlich der Durchgangsstraße und nimmt neben Kolerschloss und Kirche die dritte Anhöhe des Dorfes ein.

 

Die Söhne des bereits erwähnten Martin Geuder hatten nach dessen Tod 1532 den väterlichen Besitz im Jahr 1541 unter sich aufgeteilt. Von dem einen Gutsteil mit dem alten Schloss, der später an die Familie Koler überging, wurde bereits gesprochen. Sebald Geuder erhielt die andere Hälfte Neunhofs mit 16 Höfen und Gütern in Neunhof, Beerbach, Tauchersreuth und Kleingeschaidt. Ihm fehlte nun zwar ein eigener Wohnsitz, dafür gehörten aber die Schafhaltung sowie große Garten- und Wiesengrundstücke zu diesem Gutsteil, und somit waren die Voraussetzungen zur Errichtung eines eigenen Schlossgutes gegeben.

 

Verwirklicht wurde dieser Plan erst durch Anton Geuder ab 1570. Am Südrand des großen Baumgartens an der Straße nach Lauf entstanden ein Wirtschaftshof mit Vogthaus und Stallungen, am Nordrand des Areals ein kleines, zweistöckiges Herrenhaus mit angebautem Treppenturm, später als "Altherrnhäuslein" bezeichnet. 1575 ließ Anton Geuder eine eigene Wasserleitung in seinen Schlosskomplex leiten. Sie speiste damit auch ein Fischbassin und einen Weiher im sogenannten Steingraben mit einem Springbrunnen, diese Anlage ist noch heute erhalten.

 

Damit nicht genug, Antons baufreudiger Sohn Jakob (1575- 1616) errichtete 1608 am Südrand des Wirtschaftshofes den mächtigen Zehentstadel, umgab das ganze Areal 1610 mit einer Mauer und erbaute nördlich des Steingrabens ein weiteres Wohngebäude, ein neues, dreigeschossiges Herrenhaus in den Maßen 18 mal 10,5m mit den für die Architektur der Nürnberger Herrensitze so typischen Erkertürmchen an den vier Dachecken. Aber auch damit begnügte sich Jakob Geuder nicht. Er, der sein Nürnberger Bürgerrecht aufgab und 1613 als Kurpfälzischer Regierungsrat der Fränkischen Reichsritterschaft im Kanton Gebirg beitrat, strebte noch nach weit mehr Repräsentation. 1611 begannen die Arbeiten an einem neuen Schlossbau südlich des Altherrenhäusleins, der mit einem Flügel an das neue Herrenhaus am Steingraben angrenzen sollte. Der großzügige und für einen Nürnberger Herrensitz ungewöhnliche Bau könnte möglicherweise auf einen Entwurf des Nürnberger Stadtbaumeisters Wolf Jacob Stromer (1561-1614) zurückgehen. Mit der Ausführung wurde der Laufer Steinmetz Hans Egloff betraut, der dazu eigens in Neunhof Wohnung nahm. Das Steinmaterial wurde im Beerengraben Richtung Nuschelberg und im Teufelsgraben zwischen Neunhof und Simonshofen gebrochen. Die Baumaßahmen kamen durch den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges 1619 zum Erliegen.

 

Ein nicht gelöschtes Wachtfeuer eines kaiserlichen Trupps im benachbarten "Neubauernhof" verursachte 1632 einen verheerenden Brand, dem das Herrenhaus im Steingraben vollständig zum Opfer fiel. Das Altherrenhäuslein blieb erhalten und der Ostflügel des Schlossneubaus blieben erhalten, vom Mittelbau und vom Westflügel standen nur noch die Umfassungsmauern, der Westgiebel stürzte in den Steingraben. An eine Fortsetzung der Bauarbeiten in Kriegszeiten war nicht mehr zu denken. Da Jakob Geuder mit seiner Familie zum reformierten Bekenntnis übergetreten war, wurden nun bis 1650 im leidlich erhaltenen Ostflügel auch Gottesdienste abgehalten. Sie wurden von den reformierten Glaubensangehörigen, denen die Religionsausübung im lutherischen Nürnberg untersagt war, zahlreich besucht. Die Proteste der Kolerschen Nachbarn in Neunhof gegen die "Privatconventicula und Communionen" und den "Calvinischen Pfaff mit Weib und Kind" blieben erfolglos, da sich die Familie Geuder in der reichsunmittelbaren Ritterschaft vor Nürnberger Einflüssen sicher fühlte.

Luftaufnahme: Neunhof

Das von Jakob Geuder so ehrgeizig betriebene Bauprojekt in Neunhof sollte von seiner Familie nicht mehr vollendet werden. Im Gegenteil, man hatte sich dadurch und durch die Einbußen des Kriegs sehr verschuldet und musste 1660 die Herrschaft Neunhof mit allen Rechten und dem gesamten Besitzstand den Gläubigern, der Nürnberger Linie der Familie Welser, überlassen. Sie führte den neuen Besitz als gemeinschaftliches Stiftungsgut und überließ es somit nicht dem Privateigentum einzelner Familienmitglieder. Da die Geuder aber immer wieder beim Reichshofrat versuchten, die Herrschaft Neunhof zurückzugewinnen, sahen die neuen Besitzer vorerst von der Fortführung des Schlossprojektes ab. Das Mauerwerk wuchs in Gestrüpp ein, und ein großer Kirschbaum wuchs im Inneren der Ruine hoch empor.

Erst ab 1685, als sich weitgehende Rechtssicherheit für den Besitzstand abzeichnete, wurden die Arbeiten fortgeführt, wobei das vollkommen vernichtete Herrenhaus im Graben nicht mehr wiederhergestellt wurde.

Bei der Vollendung des "Neuen Baus" 1691/92 hielt man sich im Äußern an die vorgegebenen Pläne aus Jakob Geuders Zeit, während im Innern manche Veränderung der ursprünglichen Konzeption vorgenommen wurde. Karl Wilhelm Welser (1663-1711) und der vom Kolerschloss her bereits bekannte Johann Karl Welser waren es vor allem, die dieses Projekt voranbrachten. Ab 1695 war das Schloss bewohnbar. 1722 setzte man vor den repräsentativen Bau noch ein Herrenhaus an der Nordseite. Dieses entstand als Neubau des inzwischen baufälligen ehemaligen Geuderischen Altherrenhäusleins. Es weist schlichte Barockformen und wohnliche Innenräume mit Deckenstuck auf, sitzt aber dem großen Schloss sozusagen "auf der Nase" und wird daher in Neunhof noch heute als "Brille" bezeichnet. Zwei angrenzende Wirtschaftsgebäude, die Schlossküche und das "Torwarthäuslein" wurden 1844 abgerissen, sodass das Blickfeld aus dem Hauptschloss doch etwas geweitet werden konnte. Das Herrenhaus Schloss Nr. 2 beherbergt heute das Gutsarchiv, während es früher wegen seiner überschaubaren Räume gerne zu Wohnzwecken genutzt wurde im Unterschied zu den großen Repräsentationsräumen des Hauptschlosses.


 

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