Erinnerung an Not und Teuerung

Gewöhnlich sind es imposante oder gar pathetische Denkmäler, die öffentliche Plätze beherrschen, zumindest aber Gedenktafeln an Gebäudefassaden, die an herausragende und einschneidende Ereignisse der Vergangenheit erinnern. Das Denkmal aber, das wir hier vorstellen wollen, misst gerade einmal 48 mm im Durchmesser, es wiegt 32 Gramm und besteht aus Zinn. Weithin sichtbar ist es nicht, wer es betrachten möchte, muss sich in das Stadtarchiv begeben, dort wird es in einem Schrankfach aufbewahrt. Auch der Fachbegriff für dieses "Denkmal" ist missverständlich. Es wird als "Schraubtaler" bezeichnet, obwohl es niemals als Zahlungsmittel Verwendung fand und keine Schraubvorrichtung aufweist. Genau genommen handelt es sich um eine zweiteilige Medaille, deren beide Schauseiten wie eine winzige Dose aufeinander gesteckt sind und in ihrem zwei Millimeter tiefen Inneren Raum geben für eine Folge von acht runden Papierblättchen, die beidseitig beschriftet oder bebildert sind.

Schraubtaler 1816/17 (Städtische Sammlungen, Foto: Stadtarchiv Lauf)
Foto: Schraubtaler 1816/17

Format und Gestalt dieses "Denkmals" deuten also schon darauf hin, dass es sich hier nicht um ein öffentliches Monument handelt, sondern eher um ein ganz persönliches Stück der Erinnerung, das man vielleicht in einem Kästchen oder einer Schublade aufbewahrt hat, um es gelegentlich zur eigenen Betrachtung oder zur Weitergabe einer Erinnerung an Nachgeborene hervorzuholen und als Vermächtnis an die nächste Generation weiterzugeben. Solche Denkmäler im Kleinformat kamen bereits im 17. Jahrhundert in Mode. Sie entstanden in der Tat durch das Aufsägen und Aushöhlen eines Talers oder einer größeren Münze, deren Inneres nun zum Einlegen von kleinen Erinnerungen dienen sollte. Unser vorliegendes Beispiel stellt davon bereits eine Weiterentwicklung dar, denn es handelt sich nicht mehr um ein ursprüngliches Zahlungsmittel, sondern war von Anfang an als medaillenartiges Behältnis gedacht.

 

Die Schauseite unseres Schraubtalers zeigt eine vierköpfige Familie unter einem dürren Baum; die Gesten deuten auf Erschöpfung und Verzweiflung hin. Die Umschrift lautet: GROS IST DIE NOTH - O HERR ERBARME DICH - 1816 U. 1817. Die Rückseite stellt vor einer blühenden Landschaft einen dankbar zum Himmel aufblickenden Mann dar, dem ein Mädchen einen Ährenkranz reicht. Darüber schwebt ein Engel mit einem Getreidehalm, der drei Ähren trägt. Sie Umschrift lautet hier: ERKENNE DAS EIN GOTT IST. Darunter hat sich der Medaillenkünstler mit seinem Namen verewigt: T Stettner. Der Nürnberger Siegelschneider und Graveur Thomas Stettner hat in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gut ein Dutzend ähnlicher Schraubmedaillen zu den verschiedensten Ereignissen herausgebracht. Das vorliegende Exemplar kann auch als "Hungertaler" bezeichnet werden, denn es erinnert an die letzte große Ernährungskrise in Mitteleuropa.

Innenansicht Schraubtaler (Städtische Sammlungen, Foto: Stadtarchiv Lauf)
Foto: Innenansicht Schraubtaler

Wie es schon die beschriebenen Darstellungen auf den Taleraußenseiten verdeutlichen, hat diese Medaille in der Tat zwei inhaltlich verschiedene Seiten. Dies wird auch anhand der Faltblättchen im Inneren deutlich. Die Bild- und Textfolge des Notjahres 1816 erzählt von einem Hagelunwetter, von schweren Gewittern und einem im Sommer "fast täglich niederströmenden Regen", der zu Hochwasser und Zerstörungen führte. Dieses verheerende Jahr mit Kälte und Nässe "erzeugte das Schröcklichste, was die Menschen treffen kan, einen allgemeinen Miswachs, und den aus ihm entspringenden Brodmangel" weiß der Text zu berichten, und eine Abbildung zeigt hungernde Menschen vor einer leeren Bäckerei. Beigegeben sind, in die Medailleninnenseiten eingeklebt, Aufstellungen über die dadurch verursachte Verteuerung der Lebensmittel und zur Gegenüberstellung eine ähnliche Aufstellung aus dem Teuerungsjahr 1771. Die Textrückseite dokumentiert das darauf folgende gute Jahr 1817: "Der segnende Hauch des erbarmenden Gottes erweckte die neue Saat ...". Es waren eine außerordentlich ertragreiche Futterernte und ebenso eine reiche Getreideernte zu verzeichnen: "Die Einfuhr des ersten Erntewagens feyerten in diesem Jahre die Bewohner der Städte und Dörfer mit namenloser Wonne".

 

Hungersnot und Teuerung 1816/17, noch verschärft durch die Folgen der Napoleonischen Kriege, betrafen auch den Nürnberger Raum. Ein Glaskästchen in der Nürnberger Johanniskirche auf dem gleichnamigen berühmten Friedhof gibt davon noch heute ein anrührendes Zeugnis. Es bewahrt sieben Getreideähren, die an das erste Korn erinnern, das am 21. Juli 1817 geerntet werden konnte, "zum dankbaren Andenken". Auch für Lauf waren diese Jahre eine Zeit, in der, wenn überhaupt, nur sehr kleine "Laufer Wecken" gebacken werden konnten. Die Getreidepreise verdoppelten sich binnen eines halben Jahres und ließen auch andere Nahrungsmittel nicht unberührt, ob es sich nun um Fleisch oder auch Bier handelte. Mit großer Erleichterung wurde daher am 18. Juli 1817 der erste, blumengeschmückte Erntewagen mit Wintergetreide von einem Feld vor dem Wassertor eingefahren. Unter Choralgesang zogen die Geistlichkeit, das Personal des königlichen Landgerichts, der Magistrat und die Lehrerschaft mit den Blumen tragenden Schulkindern über die Wasserbrücke dem Wagen entgegen und begleiteten ihn feierlich unter dem Geläut der Glocken der St. Johanniskirche auf den Marktplatz. Vor der versammelten Stadtgemeinde hielten Dekan Johann Jakob Friedrich Treiber und Landrichter Christian Georg von Merz Ansprachen. Ähnliches geschah wohl an vielen Orten, denn eine solche Szene ist auch in unserem Schraubtaler auf dem vorletzten Blättchen dargestellt: Ein Geistlicher, umringt von der knieenden Bevölkerung, segnet einen hochbeladenen Getreidewagen. "Überall erscholl aus bewegter Seele: Nun danket alle Gott!".

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